Payment for Order Flow: wie kostenlose Broker wirklich Geld verdienen
Wie Neobroker verdienen: Orderflow-Rückvergütungen, Spreads, Zinsen, FX. Was das EU-Verbot geändert hat und was PFOF Anleger messbar gekostet hat.
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Die kurze Antwort
Niemand leitet Ihre Orders umsonst weiter. Ein Neobroker verdient an fünf Stellen: am Spread des Handelsplatzes, an den Zinsen auf Ihr nicht investiertes Guthaben, an der Marge im Währungsumtausch, an Abo-Modellen und – wo es noch erlaubt ist – an Payment for Order Flow: einer Rückvergütung, die ein Market Maker oder ein Handelsplatz dem Broker dafür zahlt, dass er die Orders dorthin schickt.
PFOF ist der Punkt, der sich geändert hat. Seit dem 1. Juli 2026 ist die Praxis in der gesamten Europäischen Union verboten. Grundlage ist Artikel 39a MiFIR, eingefügt durch die Verordnung (EU) 2024/791. Die britische Aufsicht hat PFOF im Aktienhandel schon vor über einem Jahrzehnt praktisch beendet. In den USA ist es weiterhin legal, quartalsweise offenzulegen – und milliardenschwer.
Die interessante Frage ist nicht, ob "kostenlos" wirklich kostenlos war. War es nicht. Die interessante Frage ist, wie viel es gekostet hat und ob es Sie etwas gekostet hat. Bei einer Sparplanrate von 150 Euro: praktisch nichts. Bei einer Order über 20'000 Euro: mehr, als eine offen ausgewiesene Provision gekostet hätte.
Der Mechanismus: wer zahlt an wen
Drei Parteien sind beteiligt.
- 1Sie erteilen eine Market Order über 100 Stück.
- 2Ihr Broker leitet diese Order nicht an die Referenzbörse (Xetra, Euronext, SIX). Er leitet sie an einen quotegetriebenen Handelsplatz, an dem ein einziger designierter Market Maker beide Seiten des Buches stellt – historisch Lang & Schwarz TradeCenter auf der LS Exchange, die Baader Bank auf gettex, die Tradegate AG auf Tradegate.
- 3Der Market Maker führt Sie zu seinem gestellten Kurs aus und behält die Differenz zwischen dem, was er Verkäufern zahlt, und dem, was er Käufern berechnet. Aus dieser Spanne zahlt er dem Broker eine Rückvergütung.
Retail-Orderflow ist es wert, dafür zu zahlen, weil er uninformiert ist. Auf einen Privatkauf folgt selten eine institutionelle Welle, die den Kurs gegen den Market Maker laufen lässt. Tausend kleine Privatorders zu bedienen ist pro Stück deutlich profitabler, als einem Hedgefonds Kurse zu stellen. Market Maker konkurrieren also um diesen Flow – aber sie konkurrieren über das Gebot an den Broker, nicht über den Preis für Sie.
Genau diesen Interessenkonflikt hat die ESMA in ihrer Erklärung vom Juli 2021 festgehalten: PFOF schaffe einen klaren Interessenkonflikt, weil es das Wertpapierhaus dazu anreize, den Dritten mit der höchsten Zahlung zu wählen.
Was es tatsächlich gekostet hat
Zwei nationale Aufsichtsbehörden haben das sauber gemessen – auf Basis eigener MiFID-II-Transaktionsmeldungen, nicht auf Basis von Broker-Marketing. Beide verglichen jede Ausführung auf einem PFOF-Handelsplatz mit allen Ausführungen im selben Instrument in derselben Sekunde auf den zehn liquidesten Referenzplätzen.
Die niederländische AFM untersuchte in ihrer Studie vom Februar 2022 niederländische Aktien im ersten Halbjahr 2021:
| Handelsplatz | Anteil schlechterer Ausführungen | Durchschnittlicher Nachteil ggü. Euronext Amsterdam | Bei einer Order über 3'000 EUR |
|---|---|---|---|
| PFOF-Handelsplatz X | 68,8 % | 4,80 Basispunkte | 1,44 EUR |
| PFOF-Handelsplatz Y | 81,5 % | 11,5 Basispunkte | 3,46 EUR |
| Handelsplatz Z (ohne PFOF) | 22,1 % | 0,8 Basispunkte | 0,24 EUR |
Die spanische CNMV wiederholte die Übung in einer Arbeitspapier-Studie vom März 2022 an 4'676 Ausführungen in 50 spanischen Aktien: 86,4 % der Trades fielen in die Kategorie "schlechtere Ausführung" mit einer Preisverschlechterung von 0,14 %, 10,2 % waren vergleichbar, nur 3,3 % besser. Der volumengewichtete Durchschnitt lag bei −0,11 %, was die CNMV mit rund 1,09 EUR Mehrkosten je 1'000 EUR Ordervolumen beziffert.
Wichtig ist, wie konservativ dieser Test ist: Eine Ausführung gilt nur dann als "schlechter", wenn ihr Preis schlechter war als der schlechteste Preis, der in derselben Sekunde irgendwo in der Referenzgruppe zustande kam. Gegen den Durchschnitt gerechnet, schreiben beide Behörden, fielen die Zahlen deutlich ungünstiger aus.
Rechenbeispiel 1 – dieselbe Order, zwei Wege
Sie kaufen Aktien für 20'000 EUR.
- Über den PFOF-Handelsplatz Y der AFM-Studie: 11,5 Basispunkte Nachteil = 0,00115 × 20'000 = 23,00 EUR – unsichtbar, weil er im Kurs steckt.
- Über eine Referenzbörse mit offener Provision von 4,90 EUR: 4,90 EUR auf der Abrechnung.
Die "kostenlose" Variante ist hier 18,10 EUR teurer. Auf der Abrechnung steht trotzdem 0,00 EUR.
Rechenbeispiel 2 – ab welcher Ordergrösse kippt es?
Die Schwelle ist einfach zu bestimmen: offene Gebühr ÷ Spread-Nachteil.
- Beim schlechteren Handelsplatz (11,5 bp): 4,90 ÷ 0,00115 = rund 4'260 EUR.
- Beim milderen Handelsplatz (4,80 bp): 4,90 ÷ 0,00048 = rund 10'200 EUR.
Unterhalb dieser Beträge gewinnt der gebührenfreie Weg, oberhalb der Börsenweg. Konkret:
- Sparplanrate 150 EUR: 11,5 bp = 0,17 EUR. Gebührenfrei ist jeden Monat 4,73 EUR günstiger.
- Rebalancing über 25'000 EUR: 11,5 bp = 28,75 EUR gegenüber 4,90 EUR. Der gebührenfreie Weg kostet 23,85 EUR mehr.
Das ist die ehrliche Version der Geschichte: Für Sparplananleger war PFOF meist tatsächlich der günstigere Weg. Für alle, die grössere Einzelorders platzieren, war es das nicht.
Der Stand nach Rechtsordnung
| Rechtsraum | Status für Retail-Aktienorders | Wo Sie es prüfen |
|---|---|---|
| EU (alle Mitgliedstaaten) | Verboten. Art. 39a MiFIR. Nationale Übergangsausnahmen für vor dem 28.03.2024 aktive Häuser sind am 30.06.2026 ausgelaufen. | EUR-Lex, VO (EU) 2024/791 |
| Vereinigtes Königreich | Faktisch seit der FCA-Prüfung 2012 nicht mehr gebräuchlich; unvereinbar mit den Zuwendungs- und Best-Execution-Regeln. | FCA Handbook, COBS 11.2A |
| Schweiz | Kein ausdrückliches PFOF-Verbot. FIDLEG verlangt bestmögliche Ausführung und Offenlegung von Interessenkonflikten. Fragen Sie Ihre Bank direkt. | Ausführungsgrundsätze Ihrer Bank |
| USA | Legal und quartalsweise offenzulegen. | Rule-606-Berichte auf der Broker-Website |
USA: weiterhin legal, weiterhin gross
Die USA sind der Grund, warum das Thema überhaupt so präsent ist. Nach SEC Rule 606 müssen Broker quartalsweise offenlegen, wohin Orders geleitet werden und welche Zahlungen sie dafür erhalten; Rule 605 verlangt Statistiken zur Ausführungsqualität und wurde 2024 überarbeitet. Die von der SEC im Dezember 2022 vorgeschlagene "Order Competition Rule", die marktfähige Retail-Orders vor der Ausführung in kurze Auktionen zwingen sollte, wurde nicht verabschiedet und später zurückgezogen.
Die zuletzt breit zitierten Grössenordnungen sind älter, aber illustrativ: 2020 flossen rund 2,5 Mrd. USD an PFOF an US-Broker; 2021 kamen die zwölf grössten US-Broker zusammen auf rund 3,8 Mrd. USD, und Robinhoods transaktionsbasierte Erlöse lagen bei rund 1,4 Mrd. USD, etwa 77 % seiner Nettoerlöse. Drei Grosshändler wickelten dabei über 80 % der Retail-Aktienorders ab.
Warum funktioniert dieselbe Praxis dort anders? Weil die Marktstruktur eine andere ist. In den USA gibt es eine verbindliche National Best Bid and Offer und eine Order-Protection-Regel; Market Maker führen Retail-Orders routinemässig innerhalb dieser Spanne aus, und diese Preisverbesserung ist messbar. Europa hatte im Untersuchungszeitraum weder eine konsolidierte Kursdatenquelle noch eine vergleichbare Schutzregel – der Referenzpreis, gegen den man hätte messen können, existierte für Privatanleger schlicht nicht. Deshalb kam Europa zu einem anderen Ergebnis als die USA.
Was in Europa an die Stelle von PFOF getreten ist
Zwei Dinge, und nur eines davon ist eindeutig besser für Sie.
Erstens: offene Kleinstgebühren. Trade Republic berechnet nach dem eigenen Preisverzeichnis 1,00 EUR Fremdkosten je Order auf der Standardroute und 2,00 EUR, wenn Sie den Handelsplatz selbst wählen. Das ist ein Fortschritt: 1,00 EUR auf der Abrechnung ist ehrlicher als 0,00 EUR plus 3,46 EUR im Kurs.
Zweitens: brokereigene Handelsplätze. Mehrere Neobroker betreiben inzwischen den Handelsplatz mit, an den sie ihre Orders leiten – Scalable Capital etwa über die European Investor Exchange. Die Rückvergütung ist damit verschwunden, der Interessenkonflikt nicht: Der Broker ist gleichzeitig Zugangsweg und Handelsplatz und verdient auf beiden Seiten. Das Verbot betrifft die Zahlung, nicht die Struktur.
Fragen Sie deshalb weiterhin: An welchen Handelsplatz geht meine Order standardmässig? Wer stellt dort die Kurse? Und in welchem Eigentumsverhältnis steht der Broker zu diesem Platz?
Die anderen vier Ertragsquellen
| Ertragsquelle | Wer zahlt sie tatsächlich | Steht sie auf der Abrechnung? |
|---|---|---|
| Spread des Handelsplatzes | Sie, im Kurs enthalten | Nein |
| Offene Order- oder Fremdkostengebühr | Sie | Ja |
| Zinsen auf nicht investiertes Guthaben | Der Geldmarkt, abzüglich dessen, was weitergegeben wird | Nein |
| Marge im Währungsumtausch | Sie, im Wechselkurs enthalten | Manchmal, als Prozentsatz |
| Wertpapierleihe | Leerverkäufer Ihrer Aktien | Nein, ausser der Broker teilt die Erlöse |
| Abo-Modell | Sie, monatlich | Ja |
| Payment for Order Flow | Der Market Maker, aus dem Spread | Nein – in der EU seit 01.07.2026 verboten |
Die Zinsmarge wird regelmässig unterschätzt. Ein einfaches Beispiel: Liegen 3'000 EUR dauerhaft als Cash im Depot und der Broker erzielt darauf 2 % am Geldmarkt, ohne etwas weiterzugeben, sind das 60 EUR pro Jahr aus einem einzigen Konto. Das ist bei einem kleinen Depot ein Vielfaches dessen, was Ihre Orders je an Gebühren erzeugen. Prüfen Sie deshalb den Verzinsungssatz auf Cash mit derselben Sorgfalt wie die Ordergebühr – und halten Sie nicht mehr Cash im Depot, als Sie brauchen.
Ebenso die Fremdwährung: Ein Umtauschaufschlag von 1,5 % auf eine Order über 5'000 EUR kostet 75 EUR; derselbe Umtausch zu 0,25 % kostet 12,50 EUR. Das ist bei internationalen Aktien fast immer der grössere Posten als die Ordergebühr selbst.
So prüfen Sie Ihre eigene Ausführung
- 1Notieren Sie Zeitstempel und Ausführungskurs von der Abrechnung – nicht aus der App-Ansicht, sondern aus dem Wertpapierabrechnungsbeleg.
- 2Vergleichen Sie diesen Kurs mit den Umsätzen an der Referenzbörse in derselben Minute. Kostenlose Zeit-und-Umsatz-Daten der Heimatbörse genügen dafür.
- 3Lesen Sie die Ausführungsgrundsätze Ihres Brokers. Dort steht, welche Handelsplätze standardmässig angesteuert werden und nach welchen Kriterien.
- 4Wiederholen Sie das bei drei bis fünf grösseren Orders. Ein Einzelfall sagt nichts; ein Muster schon.
Was Sie konkret tun sollten
- 1Trennen Sie nach Ordergrösse. Kleine, regelmässige Käufe über den günstigen Standardweg. Grosse Einzelorders über eine Referenzbörse mit offener Provision, auch wenn diese 4 bis 10 EUR kostet.
- 2Handeln Sie in den Haupthandelszeiten. Ausserhalb der Öffnungszeiten der Heimatbörse stellt ein Market Maker die Kurse ohne echten Wettbewerb. Die Spanne ist dann fast immer breiter.
- 3Nutzen Sie Limit-Orders. Ein Limit ist der einzige Schutz, den Sie selbst in der Hand haben – unabhängig davon, wer den Handelsplatz betreibt.
- 4Prüfen Sie die Cash-Verzinsung und den FX-Aufschlag, bevor Sie die Ordergebühr vergleichen. Bei den meisten Depots sind das die grösseren Beträge.
- 5Fragen Sie Ihren Broker schriftlich, an welchen Handelsplatz Ihre Orders geleitet werden und ob er an diesem Handelsplatz beteiligt ist. Die Antwort ist aufsichtsrechtlich geschuldet.
Dieser Beitrag dient ausschliesslich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
Häufige Fragen
Nein. Artikel 39a MiFIR, eingefügt durch die Verordnung (EU) 2024/791, verbietet Wertpapierfirmen die Annahme von Zahlungen oder nicht-monetären Vorteilen dafür, dass sie Retail-Orders an einen bestimmten Handelsplatz leiten. Mitgliedstaaten durften Häuser, die vor dem 28. März 2024 bereits so arbeiteten, für im Inland ansässige Kunden übergangsweise ausnehmen – diese Ausnahmen sind am 30. Juni 2026 ausgelaufen. Seit dem 1. Juli 2026 gilt das Verbot EU-weit ohne Einschränkung.
Das hängt fast vollständig von Ihrer Ordergrösse ab. Der Nachteil aus dem Spread ist proportional zum Volumen, die eingesparte Provision ist ein fester Betrag. Bei den von der AFM gemessenen 11,5 Basispunkten liegt die Schwelle gegenüber einer 4,90-EUR-Provision bei rund 4'260 EUR je Order. Wer über Jahre Sparplanraten von 100 bis 300 EUR ausgeführt hat, ist mit dem gebührenfreien Modell fast sicher besser gefahren. Wer Einzelorders über 10'000 EUR platziert hat, mit ziemlicher Sicherheit nicht.
Weil die US-Marktstruktur einen verbindlichen Referenzpreis kennt. Die National Best Bid and Offer plus die Order-Protection-Regel geben einen Massstab vor, an dem sich Preisverbesserungen innerhalb der Spanne messen lassen – und diese Preisverbesserung findet nachweislich statt. Die US-Debatte dreht sich deshalb darum, ob ein Auktionsmechanismus noch mehr davon liefern würde, nicht darum, ob es sie gibt. Offengelegt werden muss die Praxis über die quartalsweisen Rule-606-Berichte.
Für kleine Orders ist es nominell teurer, für grosse Orders in der Regel günstiger – vor allem aber ist es sichtbar. Eine offene Gebühr von 1 EUR können Sie in einen Kostenvergleich einsetzen; einen Spread-Nachteil von 11,5 Basispunkten können Sie das nicht. Entscheidend bleibt trotzdem, ob der Handelsplatz nach dem Verbot wettbewerblicher geworden ist. Wenn Ihr Broker weiterhin an einen Platz mit einem einzigen Market Maker leitet, hat sich am Preisbildungsmechanismus wenig geändert.
Drei Wege. Erstens die Wertpapierabrechnung: Der Ausführungsplatz muss dort ausgewiesen sein. Zweitens die Ausführungsgrundsätze des Brokers, die er veröffentlichen und aktuell halten muss – dort steht, welche Plätze standardmässig angesteuert werden. Drittens eine schriftliche Anfrage beim Broker; die Auskunft über den Ausführungsplatz und über Interessenkonflikte ist aufsichtsrechtlich geschuldet.
MiFIR erfasst Finanzinstrumente. CFDs sind Finanzinstrumente und damit vom Verbot erfasst. Krypto-Assets, die keine Finanzinstrumente sind, fallen nicht unter Artikel 39a, sondern unter die MiCA-Verordnung – und MiCA kennt kein PFOF-Verbot dieser Art. Bei Krypto-Handelsplattformen bleibt die Kostenfrage deshalb primär eine Frage von Spread und Gebührenmodell, die Sie selbst vergleichen müssen.
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